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Culture21. September 202611 min Lesezeit

Die Backstage-Ökonomie: Was am Set wirklich Backstage ist

Vom Fotoautomaten beim ersten Store-Opening bis zur Umkleidekabine am Set: Ein Essay über die Lücke, die andere Creator liegen ließen, und den einzigen Ort, an dem die Maske wirklich fällt.

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Behind the Scenes soll den Blick hinter die Inszenierung freigeben. Was aber, wenn dieser Blick selbst produziert ist? Ein Essay über mein erstes Event mit 200 Followern, die Verwechslung, aus der eine Einladung wurde, und die eine Frage, die bis heute bleibt: Wo hört die Show wirklich auf?

Essay · Creator Culture

Der Fotoautomat in der Mitte des Raums

Mein erstes Event war das Opening eines Luxus-Stores. Kein großes Geschäft, eher lang und schmal, mittendrin ein Fotoautomat. Es gab Häppchen, Musik, kleine Goodies, wirklich alles, was man sich als Neunzehnjährige wünschen konnte. Man konnte sich die Ware ansehen, sie auch kaufen, und ich hatte viel Spaß.

Am Ende fragte ich mich trotzdem: Wem hat das eigentlich wirklich etwas gebracht? Ein paar Sales wurden sicher gemacht, aber Personal, Deko, Catering müssten diese Einnahmen weit überschritten haben, oder sie wurden gerade so gedeckt. Viele der Frauen dort trugen schon Stücke der Marke. Die wären vermutlich auch so gekommen.

Ich schob den Gedanken beiseite. Ging nach all den Häppchen immer noch hungrig mit meinem Mann zu McDonald's und dachte lange nicht mehr daran.

Insight

Die erste Frage, die ich mir je zur Creator-Ökonomie stellte, war keine über Reichweite. Es war eine über Kosten.

Acht Monate später

Die Messe im kleinen Fancy-Format

Beim nächsten Event stellten sich viele Marken in einem Saal vor, ein bisschen wie eine Messe, nur etwas exklusiver und fancier inszeniert. Ich hatte inzwischen um die 2.000 Follower, gekommen war ich über eine Plattform, die Creator und Brands zusammenbringt.

Creator stürzten sich auf die Goodies und trugen taschenweise ihre Funde nach Hause. Es gab schön gestaltete Stände, die einen förmlich dazu animierten, ein Foto davor zu posten. Mir war das ehrlich gesagt etwas unangenehmer, als ich gehofft hatte. Ab und zu kam ein Gespräch zustande, aber meistens stand ich mit den anderen Einzelgängern zusammen oder unterhielt mich mit dem Personal, das mir erzählte, wie lange der Tag für sie schon lief.

Ich war neunzehn und verstand wenig davon, was ich in dem Moment eigentlich tat. Ich wollte nur nicht, dass meine lange Anreise umsonst gewesen war, also blieb ich länger als geplant. Ehrlich gesagt sind solche Hallen nach kurzer Zeit begangen, alles gesehen, mehr als eine Stunde lohnt sich der Aufenthalt selten. Ich hatte aber mehr Zeit eingeplant, bis meine Rückreise ging.

Wendepunkt

'Die haben wohl was falsch verstanden'

Viele Stände steckten mir ihre Karten zu, manche extra Goodies. Ich gewann ihre Gewinnspiele, oder durfte ausnahmsweise nochmal mein Glück versuchen. Ich postete brav von jedem etwas und merkte, wie einige zurückschrieben, mit dem Angebot, mir Pakete nach Hause zu schicken. Teilweise personalisiert. Teure Sachen. Seltene Sachen.

Ich dachte ehrlich, die haben wohl etwas falsch verstanden. Mit 2.000 Followern konnte ich mir diese Höflichkeit und, wie ich es mir damals nannte, Sonderbehandlung nicht erklären. Ich erklärte sie mir mit einer Verwechslung.

Sechs Monate später, in einer anderen Stadt, beim selben Event: Die Mitarbeiter am Stand erkannten mich, begrüßten mich mit einem breiten Lächeln, während Creator mit fünf- bis sechsstelligen Followerzahlen keine drei Schritte entfernt standen. Ich wurde wieder eingeladen. Irgendwann bekam der Veranstalter meine E-Mail, wahrscheinlich aus meinem Insta-Profil, und fragte direkt an. Inzwischen läuft das sogar über Insta direkt, falls die Mail mal untergeht.

Merksatz

Das beweist zwei Dinge. Erstens: Ich trug meinen Teil bei, Posts, Storys, so agieren, wie es sich Brands wünschen. Zweitens: Ich brach mit dem Skript. Ein wenig länger bei den Menschen verweilen, die augenscheinlich 'bloß Personal' waren, aber die Entscheidung trafen, ob ich Teil dieser Welt bin.

These

Wer die Lücke füllt, hinterlässt Eindruck

Die Moral der Geschichte: Während viele andere Creator genervt reagierten, wieso sind die Goodies schon aus, och hier gibt's nur hässliche Sachen, oder einfach nur schnell abfilmten und wieder gingen, war ich da. Ich füllte die Lücke. Wer drei Stunden bleibt, hinterlässt vermutlich mehr Eindruck als jemand, der nach zwanzig Minuten geht.

Und die Events selbst veränderten sich. Die Goodies wurden weniger, kein Nutzen für die Brands, wenn Ausgaben sich nicht in Sales übersetzen. Gleichzeitig wurden die Events strukturierter: feste Kamerateams für den Empfang, im Raum, teilweise sogar an den Ständen. Es gab Künstler, die live zeichneten, und vieles mehr. Der Anreiz zu posieren wurde angekurbelt, der Reflex 'mitnehmen und abhauen' bewusst reduziert.

Herkunft

Die Outtakes am Ende der Barbie-Filme

Das erste Mal, dass ich bewusst Behind-the-Scenes-Content wahrnahm, war in den Barbie-Filmen Anfang der 2000er. Am Ende liefen oft Outtakes, meist lustig gemeint. Als Kind lachte ich einfach mit. Erst später verstand ich, dass ein Team diese Szenen bewusst animiert hatte, mit einem klaren Ziel.

Am Set war es später ganz ähnlich. Content wurde produziert, früher meist nur von den Models selbst, oft durften wir erst nach Release posten, damit weder Location noch Inhalt vorher rauskamen. Das entstand meist aus Langeweile. Man hatte wenig zu tun zwischen den Szenen, und auf Insta machte es sich gut.

Wieso ein Shooting in einer Villa buchen, wenn du dafür bezahlt wirst, in einer Villa zu sein, und dort einen Schnappschuss machen kannst? Wie zeigst du sonst einfacher, dass dein Leben inspiring oder #goals ist?

Mechanismus

Wie der Kopf die Inszenierung verdrängt

Lange realisierte ich es selbst nicht. Klar wusste ich, dass viele Models in WGs wohnten oder noch bei ihren Eltern, unspektakuläre Nebenjobs hatten oder studierten. Aber wenn du jeden Tag online siehst, wie jemand in den schönsten Restaurants ist, in den coolsten Villen, mit den bekanntesten Leuten, verdrängt dein Kopf irgendwann die Wahrheit der Inszenierung.

Oft frage ich mich, wie das für Menschen ist, die noch nie ein Set von innen gesehen haben. Ich selbst schalte heute kein YouTube-Video mehr an, keine Sendung, kein Musikvideo, ohne mindestens eine Person vom Sehen zu kennen oder sogar behaupten zu können, wir wären gute Bekannte, hätten lustige gemeinsame Erlebnisse. Und trotzdem falle auch ich an trüben Tagen darauf rein und frage mich, wieso mein Leben nicht so aussieht.

Was Menschen unterschätzen, ist, wie viel Content an einem einzigen guten Tag entstehen kann. Man kommt ans Set mit einem ganzen Koffer voll Sachen, zwei bis drei Outfitwechsel sind schnell drin. Ein Snapshot im Luxus-Sportwagen, einer am Pool, vielleicht noch einer mit den Mädels bei einer wilden, inszenierten Partie, Pizza in der Hand. Zwischen den Outfits, oft neu gestyltem Haar und aufgefrischtem Make-up wirkt das im Feed schnell wie: jeder Tag ist bei ihr ein Traumtag.

Insight

Ein guter Drehtag liefert genug Material für zwei Wochen 'zufälligen' Alltag.

Ausweitung

Auch das Personal spielt seine Rolle

Was dabei oft vergessen wird: Heute inszenieren nicht nur die Models. TikTok-Videos und Reels, die zufällig wirken, Straßenumfragen, Restaurantempfehlungen vom vermeintlichen 'Personal', ist oftmals inszeniert. Wenn geschätzt achtzig Prozent aller Postenden Nano-Creator sind, dann sind mindestens weitere fünf bis zehn Prozent aller Inhalte sogenannter Backstage-Content.

Die Küche zeigt zwar das echte Produkt und wie dieses zubereitet wird. Das Modelspielt trotzdem bloss eine Rolle darin.

Heute wird am Set meist nicht nur gedreht. Es werden Fotos für den eigenen Feed gemacht, kurze TikToks nebenbei, weil die Models eh schon da sind, mit professionellem Foto- und Videoteam wird vermeintlich die gute Stimmung eingefangen.

Die echte Grenze

Der wahre Backstage-Bereich ist die Umkleidekabine

Wenn ich ehrlich sein soll: Der wahre Backstage-Bereich am Set ist wohl nur noch die Umkleidekabine. Wie oft war ich beim Umziehen und ein Model oder Darsteller beschwerte sich über die Konditionen, die Bezahlung, die Looks. Wie oft wurde ich schon gefragt, ob man mich kurz zur Toilette begleiten soll, nur um für einen Moment die Maske fallen lassen zu können.

Das heißt nicht, dass die Freude am Set gespielt wäre. Es zeigt nur, dass Backstage nicht gleich Backstage ist. Du kannst gleichzeitig glück empfinden, an diesem Ort zu sein, deinen Traumjob zu leben, und todmüde sein nach vierzehn Stunden mit kaum Essen, um zwei Uhr morgens. Beides ist wahr. Nur eines davon ist noch einen kleinen Tick ungeschliffener wahr.

Merksatz

Backstage ist kein Ort, den eine Kamera betreten kann. Backstage ist der Moment, in dem niemand mehr fragt, ob man bereit ist.

Rahmen

Warum das kein neues Phänomen ist, nur ein skaliertes

Der Soziologe Erving Goffman beschrieb schon 1959 in seiner Studie über ein Hotelrestaurant, dass Menschen zwischen einer Frontstage, dem Bereich vor Publikum, und einer Backstage, dem Bereich ohne Publikum, wechseln, und ihr Verhalten danach ausrichten. Sein Punkt war nicht, dass eine Seite unehrlich ist. Sein Punkt war, dass eine Backstage per Definition endet, sobald jemand sie beobachtet.

Der Soziologe Dean MacCannell übertrug das 1973 auf den Tourismus und zeigte, dass Anbieter genau darauf reagieren, indem sie Frontstages bauen, die aussehen wie eine Backstage. Ein Küchenrundgang, der genauso choreografiert ist wie das Restaurant selbst. Er nannte das staged authenticity, inszenierte Echtheit, und schrieb dazu einen Satz, der unsere Branche fast wörtlicher trifft, als er 1973 ahnen konnte: Sobald sich eine Struktur in eine Front- und eine Backregion teilt, kann die Wahrheit nicht mehr für sich selbst sprechen.

Die Medienwissenschaftlerin Crystal Abidin beschrieb 2017 für genau diese Praxis in der Influencer-Welt den Begriff calibrated amateurism, kalibrierten Amateurismus: die gezielte Arbeit daran, eine unperfekte, spontane Ästhetik zu erzeugen, unabhängig davon, ob tatsächlich etwas spontan war. Der Fotoautomat, die Barbie-Outtakes, der Koffer mit drei Outfitwechseln, all das ist derselbe Mechanismus, nur je nach Jahrzehnt anders verpackt.

Fazit

Was bleibt

Ich schreibe das nicht als jemand, der von außen auf die Branche zeigt. Ich habe meinen Koffer selbst gepackt, meine drei Outfits selbst gewechselt, meinen Teil zur Show beigetragen, an Ständen genauso wie an Sets. Und ich habe gemerkt, dass der Unterschied zwischen den Creators, die drei Stunden blieben, und denen, die nach zwanzig Minuten gingen, selten Talent war. Es war, wer bereit war, mit den Menschen zu reden, die niemand sonst beachtete.

Was am Ende zählt, ist vielleicht weniger die Frage, ob etwas inszeniert ist. Fast alles ist inszeniert, in unterschiedlichem Grad. Die interessantere Frage ist, ob man selbst noch weiß, wo die eigene Umkleidekabine ist, und ob man sie sich noch gönnt.

FAQ

Weiterführende Fragen

Warum laden Marken Nano-Creator mit wenigen Followern zu Events ein?

Nicht wegen der Reichweite allein. Wer öfter erscheint, länger bleibt und tatsächlich mit dem Personal am Stand ins Gespräch kommt, hinterlässt oft mehr Eindruck als eine große Reichweite, die nach zwanzig Minuten wieder verschwunden ist.

Ist am Set wirklich alles inszeniert?

Fast alles, was für den Feed gedacht ist, ja, in unterschiedlichem Grad. Der einzige Bereich, der davon meist ausgenommen bleibt, ist die Umkleidekabine, weil dort kein Content entsteht.

Macht Inszenierung ein Erlebnis automatisch unecht?

Nein. Man kann gleichzeitig einen Traumjob leben und todmüde sein. Beides ist wahr, nur eines davon wird selten gezeigt.

Quellen & Studien

  • Goffman (1959): The Presentation of Self in Everyday Life. University of Edinburgh Social Sciences Research Centre.Zur Quelle
  • MacCannell (1973): Staged Authenticity: Arrangements of Social Space in Tourist Settings. American Journal of Sociology, 79(3), 589-603.Zur Quelle
  • Abidin (2017): #familygoals: Family Influencers, Calibrated Amateurism, and Justifying Young Digital Labor. Social Media + Society, 3(2).Zur Quelle
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