Stop playing small
Personal Essay14 März 20268 min Lesezeit

Du bist nicht zu wenig: Deine Bubble ist einfach nur zu klein.

Von hundert Absagen bis zum Platz am Set: Ein Essay über die unsichtbare Macht der 'Social Currency' und das bittere Erwachen aus einer perfekt inszenierten Parallelwelt.

Wir scrollen durch Feeds voller Perfektion und messen unseren eigenen Wert an einer Währung, die wir kaum kontrollieren können. Dieser Essay blickt hinter die Fassade der 'Social Currency' und analysiert, warum wir uns in digitalen Bubbles oft klein fühlen, obwohl wir eigentlich alles richtig machen. Eine Entschlüsselung der unsichtbaren Hierarchien, die bestimmen, wer im Netz gehört wird, und wer unsichtbar bleibt.

Kerngedanke

Erfolg im Internet ist oft keine objektive Wahrheit, sondern das Ergebnis von Sichtbarkeit, Kontext und Bubble.

Essay · Creator Culture

Die perfekte Oberfläche

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Wir alle kennen diese Menschen, bei denen scheinbar alles perfekt läuft. Ein perfektes Haus, ein perfektes Auto, vielleicht noch die perfekte Beziehung. Besonders auf Instagram gerät man schnell in endlose Loops von vermeintlicher Perfektion. Der Algorithmus spült immer neue Versionen desselben Lebens vor die Füße.

Schöner, erfolgreicher, scheinbar müheloser.

Nach fast acht Monaten ohne Social Media fühlte sich meine Rückkehr ein wenig an wie ein Familienbesuch nach langer Zeit; man erkennt vieles wieder und gleichzeitig wirkt alles seltsam fremd, fast wie eine Parallelwelt.

Ich selbst habe mich lange mitten in dieser Welt bewegt: Modeljobs, Reisen für Shootings und Treffen mit Menschen, die früher meine Kindheitsidole waren. Marken und Celebrities in den DMs. Durch Kontakte kam man in Clubs, bekam Essen für eine Story oder wurde zu Trips eingeladen.

Von außen betrachtet sah das nach dem ultimativen Erfolg aus, doch mit der Zeit merkte ich, dass diese Welt von einer unsichtbaren Währung bestimmt wird: der sogenannten Social Currency.

InsightIm Internet zählt nicht nur, wer du bist; es zählt vor allem, wie sichtbar du bist.

Herkunft

Der lange Weg hinein

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Wenn mich jemand fragt, wie ich mit dem Modeln angefangen habe, erzähle ich meistens die kurze Version: Ich postete Bilder auf Instagram und Agenturen schrieben mich an.

Die Wahrheit ist jedoch weitaus komplizierter.

Schon als Kleinkind wurde ich einmal gescoutet und man überlegte kurz, ob ich Model werden sollte; am Ende entschied man jedoch, ich sei ein zu dickes Baby und ließ mich stattdessen Babynahrung testen. Meine Eltern beschlossen schnell, dass das wohl nicht mein Weg sei, doch ich selbst wuchs mit Sendungen wie Germany’s Next Topmodel auf. Wie so viele andere lief ich im Wohnzimmer auf und ab und stellte mir vor, wie es wäre, einmal selbst auf einem echten Laufsteg zu stehen.

Mit 14 begann ich schließlich, mich bei Agenturen zu bewerben, doch es folgten Absagen, Absagen und noch mehr Absagen. Über hundert Bewerbungen in mehreren Jahren. Ich fuhr nach Paris zu Scoutings, postete Videos online und versuchte alles, um entdeckt zu werden.

Als ich 15 war, starb meine Mutter und der Traum wurde plötzlich zu etwas anderem: Er wurde zu einem Projekt, denn ich wollte es unbedingt schaffen, um sie stolz zu machen. Von da an traf mich jede weitere Absage doppelt so hart.

Gleichzeitig wusste ich längst, dass ich nicht in das klassische Schema passte; viele Agenturen verlangten eine Mindestgröße, die ich mit meinen 168 cm niemals erreichen würde.

Also wurde ich kreativ.

System

Der Kampf um Sichtbarkeit

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Ich organisierte kleine Shootings selbst und postete die Bilder auf Instagram. Ich bezahlte kleinere Marken dafür, mich zu posten; es war eine Art Vorab-Investition in meine Sichtbarkeit. In meiner Verzweiflung kaufte ich sogar einmal Follower. Ich versuchte, mir eine Relevanz zu kaufen, die das System von mir verlangte, bevor es bereit war, mir echte Chancen zu geben.

Und plötzlich passierte etwas. Fotografen wollten TFP Projekte machen. Die Bilder gingen online und dadurch wurden erste Agenturen auf mich aufmerksam.

Im April 2022 unterschrieb ich meinen ersten Agenturvertrag. Einen Monat später unterzeichnete ich bereits den zweiten. Doch mit dem Erfolg kam sofort der Druck: Meine Bilder seien nicht professionell genug, hieß es; also organisierte ich neue Shootings, nur um erneut zu hören, dass sie noch immer nicht reichten. Ich war zu dieser Zeit Praktikantin und mehr als ein TFP-Shoot lag einfach nicht im Budget.

Mein erster bezahlter Job war für das Musikvideo eines regional bekannten Künstlers. Ich spielte eine Nebenfigur zwischen echten Fans, die kostenlos mitwirkten. Das Video handelte von Imperfektion: Ich sollte meine Dehnungsstreifen und Cellulite zeigen, während eine andere Frau die Rolle des Dreamgirls übernahm.

Trotzdem war es mein erstes Geld mit dem Modeln und ich war überzeugt, dass dies nur der Anfang war.

InsightRückblickend kämpfte ich nicht nur um Jobs. Ich kämpfte um Sichtbarkeit.

Interpretation

Branding ohne Erklärung

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Meine erste Agentur versuchte, mich zu branden. Damals verstand ich nicht, dass gerade mein Marktwert definiert wurde.

Bei Shootings sollte ich ausschließlich meine echten Haare tragen statt Wigs, mir Streetwear-Kleidung kaufen und 'urban' shooten. Ich versuchte, all dies umzusetzen, doch die Kritik war oft widersprüchlich: Wenn ich Wigs trug, kritisierte man eine mangelnde Authentizität. Wenn ich jedoch mit meinen natürlichen Locken fotografiert wurde, hieß es selbst bei bezahlten Jobs, das Volumen würde zu sehr vom Produkt ablenken. In diesen Momenten sank meine Sichtbarkeit innerhalb des Systems sofort auf Null und die Bilder wurden verworfen.

Damals fühlte sich das Ganze einfach nur verwirrend an. Ich begann, Kleidung zu kaufen, die angeblich besser zu meinem Image passen sollte, und entfernte mich immer weiter von dem, was sich eigentlich nach mir anfühlte. Ich war jung, naiv und hatte niemanden, den ich fragen konnte.

Erst später begriff ich, dass Branding keine objektive Qualität ist. Es ist die reine Interpretation derer, die in diesem Moment die Macht halten. Dass das stimmt, zeigte sich erst bei meiner nächsten Agentur. Dort wurden genau diese Fotos, die zuvor als „störend“ galten, sogar als Highlight in meine Sedcard aufgenommen.

Branding ist also nicht nur Strategie – es ist vor allem Interpretation. Und genau diese Interpretation bestimmt darüber, wie man dir in der echten Welt begegnet.

Beobachtung

Social Currency am Set

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Eine Situation hat mir besonders deutlich gezeigt, wie diese unsichtbare Währung im Alltag funktioniert.

Wir waren zu dritt bei einem Shooting. Eine Influencerin, die gerade eine Kollektion herausbrachte, ein Model, das das Gesicht einer bekannten Marke war, und ich. Beide hatten über hunderttausend Follower: eine Reichweite, die in diesem Raum wie eine unsichtbare Kraft wirkte.

Während des Stylings unterhielt ich mich lange mit dem anderen Model. Wir sprachen über Beziehungen, über Hunde und ganz normale Dinge; es war ein wirklich freundliches Gespräch. Irgendwann kamen wir auf Instagram zu sprechen. Sie wollte meine Seite sehen. Ich schaute mir ihre an und folgte ihr ganz selbstverständlich.

Sie folgte mir nicht.

Wir fotografierten weiter und die Stimmung blieb oberflächlich freundlich, doch die digitale Barriere war nun errichtet. Als die Fotos später veröffentlicht wurden, postete ich sie in meiner Story und verlinkte natürlich beide, doch keine der beiden erwähnte mich oder reagierte darauf.

Solche Momente wirken klein, aber sie zeigen die harte Logik der Social Currency: Wenn dein digitaler Kontostand nicht hoch genug ist, bleibst du für manche Menschen unsichtbar, egal wie nett das Gespräch vorher war. Diese Momente am Set waren keine Einzelfälle. Sie waren der Spiegel für eine Welt, in der die digitale Visitenkarte wichtiger geworden ist als der echte Händedruck.

Status

Die unsichtbare Hierarchie

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Besonders deutlich wurde diese Dynamik auf Events: bei Magazin-Partys oder Store-Openings, wo das Netzwerken im Vordergrund steht. Dort passierte oft dasselbe Muster: Ich wurde gefragt, was ich mache oder wie mein Instagram-Account heißt.

Sobald ich mein Handy zückte und man die Zahl meiner Follower sah, folgte meist ein kurzes, freundliches Lächeln und das Gespräch endete abrupt. Ich konnte förmlich zusehen, wie das Interesse meines Gegenübers erlosch, noch bevor ich den Satz beenden konnte.

Gleichzeitig konnte man beobachten, wie große Creator mit Millionen-Reichweiten regelrecht umschwärmt wurden. Menschen suchten ihre Nähe, wollten Fotos und Aufmerksamkeit. Und natürlich ist es menschlich, bekannte Persönlichkeiten spannend zu finden, doch in diesen Räumen fühlte es sich anders an. Es war keine echte Begeisterung für die Person, sondern der Versuch, ein wenig von diesem unsichtbaren Promistaub abzubekommen, um die eigene Social Currency aufzuwerten.

In mir kam die Frage hoch, ob eben jene Leute diese Person wirklich so interessant fanden? Bei mir hinterließ dieses Verhalten jedoch nur ein Gefühl zurück: Fakeness.

These

Das Phänomen der Bubbles

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Mit der Zeit wurde mir etwas klar: Das, was für meine Freunde von früher nach riesigem Erfolg klang, war in dieser speziellen Welt völlig normal oder manchmal sogar verschwindend wenig.

Genau so funktionieren Bubbles: Erfolg ist keine objektive Wahrheit, sondern wird immer von der Umgebung definiert, in der man sich bewegt. Innerhalb einer solchen Blase verschieben sich die Maßstäbe so extrem, dass Dinge, die für Außenstehende beeindruckend wirken, nach innen hin gewöhnlich oder gar wertlos erscheinen.

In den sozialen Medien verstärkt sich dieses System massiv, da Follower, Reichweite und Sichtbarkeit dort wie eine eigene Währung fungieren – die sogenannte Social Currency. Diese Währung bestimmt nicht nur, wer wir sind, sondern vor allem, wie wir wahrgenommen werden. Was außen groß wirkt, kann sich innen ganz klein anfühlen.

InsightWir jagen oft einem Standard hinterher, der gar nicht existiert, sondern nur das Ergebnis eines verzerrten Umfelds ist.

Reflexion

Was ich daraus gelernt habe

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Heute sehe ich viele dieser Momente mit anderen Augen: Damals fühlten sie sich persönlich an, als würde etwas mit mir nicht stimmen. In Wirklichkeit war ich einfach nur in einem System gelandet, das nach anderen Regeln funktioniert. Im Internet zählt nicht nur, wer du bist oder was du kannst. Oft zählt vor allem, wie sichtbar du bist.

Aber vielleicht hat das Internet uns nie wirklich belogen.

Es zeigt leider nur selten den ganzen Kontext. Die Einladung zum Event, aber nicht die Gespräche, die dorthin führten. Es zeigt den Erfolg, aber nicht die Bubble, in der dieser Erfolg überhaupt erst definiert wird.

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