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StrategyJuni 20269 min

Was du wirklich verlangen kannst: Preise für Nano Creator, ohne zu raten

Du hast das Media Kit. Du hast die Anfrage. Und dann steht da dieser eine Satz: Was wären denn deine Konditionen? Und plötzlich ist alles Wissen weg.

1878 verklagte der Maler James McNeill Whistler einen Kritiker, der ihm vorgeworfen hatte, er würde dem Publikum einen Farbtopf ins Gesicht schleudern und dafür zweihundert Guineen verlangen. Vor Gericht fragte man ihn, ob er wirklich diesen Betrag für zwei Tage Arbeit nehme. Whistler antwortete, er nehme ihn nicht für zwei Tage Arbeit, sondern für das Wissen eines ganzen Lebens.

Das ist bis heute die präziseste Antwort auf die Preisfrage, die je gegeben wurde. Und sie ist im Creator-Business fast vollständig verloren gegangen. Wir rechnen in Reichweite. Wir rechnen in Followern. Wir rechnen in Prozentsätzen, die irgendwer 2016 in einen Blogpost geschrieben hat. Wir rechnen in allem, außer in dem, was wir tatsächlich verkaufen.

Dieser Artikel ist Teil 2 der Paid-Deals-Serie. In Teil 1 ging es darum, buchbar zu werden. Hier geht es um die Frage, die direkt danach kommt und an der die meisten scheitern: Wie viel?

Kerngedanke

Dein Preis ist keine Einschätzung deines Wertes. Er ist eine Information über deine Struktur. Brands lesen ihn genau so.

Chapter 1

Warum die Ein-Prozent-Regel für dich nicht funktioniert

1

Die bekannteste Faustformel im Influencer-Marketing lautet: ein Prozent deiner Follower, in Euro. 100.000 Follower, 1.000 Euro pro Post. Klingt sauber. Klingt nach Mathematik.

Rechne sie einmal für dich durch. Bei 3.000 Followern ergibt sie dreißig Euro. Für ein Konzept, einen Drehtag, ein Outfit, eine Location, drei Stunden Schnitt, die Freigabeschleife, den Post, die Story-Verlängerung und die Kommentarbetreuung. Dreißig Euro.

Diese Formel ist nicht falsch, weil sie zu niedrig ist. Sie ist falsch, weil sie aus einer anderen Welt stammt. Sie wurde für Macro-Accounts entwickelt, in einer Zeit, in der Influencer-Marketing als Media-Buchung gedacht wurde: Ich kaufe Sichtkontakte, der Preis skaliert mit den Sichtkontakten. Reine Reichweitenlogik.

Nur bucht dich niemand wegen deiner Reichweite. Wenn eine Brand ausschließlich Sichtkontakte will, kauft sie Meta Ads. Das ist billiger, messbarer und planbarer als jede Kooperation mit dir. Dass sie es trotzdem nicht tut, hat einen Grund: Sie kauft etwas, das Ads nicht liefern können.

Reichweite ist der einzige Faktor an deinem Preis, der sich automatisch mitentwickelt. Genau deshalb ist er der uninteressanteste.

Was du tatsächlich verkaufst, sind vier voneinander unabhängige Dinge. Und der Fehler der meisten Nano Creator ist nicht, dass sie zu wenig verlangen. Es ist, dass sie drei dieser vier Dinge verschenken, weil sie nicht wissen, dass sie sie besitzen.

MerksatzDie Ein-Prozent-Regel bepreist das Einzige, was du nicht kontrollierst. Deshalb produziert sie für kleine Accounts systematisch absurde Zahlen.

Chapter 2

Die vier Bausteine deines Preises

2

Baustein eins: Produktion. Das ist die Arbeit. Konzept, Location, Outfit, Licht, Dreh, Schnitt, Ton, Untertitel, Abstimmung. Sie ist unabhängig von deiner Followerzahl. Ein Reel mit drei Szenenwechseln kostet dich gleich viel Zeit, ob du 3.000 oder 30.000 Follower hast. Das ist dein Sockel. Unter diesen Sockel gehst du nie, egal wie klein du bist, denn sonst zahlst du dafür, arbeiten zu dürfen.

Rechne ehrlich: Wie viele Stunden gehen wirklich rein? Nicht die Drehzeit. Die Gesamtzeit inklusive Kommunikation. Bei den meisten Reels sind es zwischen sechs und zehn Stunden.

Baustein zwei: Reichweite und Relevanz. Hier kommt deine Community rein, aber nicht als Zahl, sondern als Qualität. Eine Engagement-Rate von sieben Prozent bei 3.000 Followern ist für eine Nischen-Brand wertvoller als ein Prozent bei 50.000. Deine Aufgabe ist es, das zu übersetzen: nicht ich habe 3.000 Follower, sondern ich erreiche etwa 1.200 Frauen zwischen 25 und 35 im deutschsprachigen Raum, die mir bei Kaufentscheidungen folgen. Das ist derselbe Account. Aber eine völlig andere Verhandlungsgrundlage.

Baustein drei: Nutzungsrechte. Der teuerste und am häufigsten verschenkte Baustein. Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen ich poste das auf meinem Kanal und ihr dürft das verwenden. Das erste ist eine Kooperation. Das zweite ist eine Lizenz. Wenn deine Brand dein Reel auf ihrem eigenen Account reposten, in Newslettern verwenden oder als Paid Ad schalten will, kauft sie nicht mehr Content ein, sondern Werberaum. Das kostet extra. Immer.

Baustein vier: Exklusivität. Wenn du drei Monate lang für keine andere Marke derselben Kategorie arbeiten darfst, verkaufst du nicht eine Leistung, sondern entgangene Aufträge. Eine Branchenexklusivität ohne Aufpreis ist der schlechteste Deal, den du machen kannst, und sie steht in erstaunlich vielen Verträgen einfach so drin.

Vier Bausteine. Die meisten Nano Creator bepreisen einen davon und verschenken die anderen drei aus Höflichkeit.

MerksatzProduktion, Reichweite, Nutzungsrechte, Exklusivität. Wer nur den zweiten Baustein bepreist, arbeitet mit 25 Prozent seines eigenen Angebots.

Chapter 3

Der Nano-Korridor: realistische Zahlen

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Jetzt die Zahlen. Mit einer Vorbemerkung, die wichtig ist: Das sind Korridore, keine Preisliste. Sie verschieben sich mit Nische, Produktionsaufwand und Region. Beauty ist umkämpfter als Finance. Ein Studio-Setup ist teurer als ein Handy-Vlog. Behandle das als Orientierung, nicht als Gesetz.

MerksatzEs gibt keinen Preis, der objektiv zu hoch ist. Es gibt nur Preise, die nicht zur Struktur passen, die du mitlieferst.
Story-Set, drei bis fünf Frames, ohne Nutzungsrechte: 80 bis 150 Euro. Der Einstiegsartikel. Geringer Aufwand, geringe Halbwertszeit, guter Türöffner.
Ein Reel, organisch, nur dein Kanal, ohne weitere Rechte: 250 bis 450 Euro. Der Kern deines Angebots. Wer darunter geht, unterbietet den eigenen Produktionsaufwand.
Reel plus organische Repost-Rechte, drei bis sechs Monate: Grundpreis plus 30 bis 50 Prozent.
Reel plus Paid-Media-Nutzung, sechs Monate: Grundpreis plus 100 Prozent, eher mehr. Ab hier verkaufst du Werbefläche mit deinem Gesicht.
Multi-Channel-Paket, Reel plus Stories plus Foto-Assets: 500 bis 800 Euro. Pakete sind für dich effizienter und für die Brand einfacher zu buchen.
Branchenexklusivität, drei Monate: plus 20 bis 30 Prozent auf das Gesamthonorar.
InsightWenn dich diese Zahlen erschrecken, ist das kein Signal, dass sie zu hoch sind. Es ist ein Signal, dass du bisher in Gifting-Logik kalkuliert hast. Eine Brand, die 950 Euro für ein Agentur-Briefing zahlt, ohne mit der Wimper zu zucken, wird von 350 Euro für ein fertiges Reel nicht schockiert sein. Der einzige Mensch im Raum, der deinen Preis für hoch hält, bist du.

Chapter 4

Warum dein erster Preis dein wichtigster ist

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Es gibt einen Grund, warum ich in Erstgesprächen fast immer über den ersten Deal rede und nicht über den nächsten.

Dein erster genannter Preis verschwindet nicht. Er wird gespeichert. Nicht metaphorisch, sondern buchstäblich: in Kampagnenreports, in Creator-Listen, in geteilten Tabellen. Brand-Manager wechseln die Firma und nehmen ihre Listen mit. Agenturen betreuen sechs Marken gleichzeitig. Der Preis, den du im März nennst, ist der Preis, mit dem du im Oktober bei einer völlig anderen Marke gehandelt wirst.

Deshalb ist der niedrige Einstiegspreis, den wir alle als Investition rahmen, in Wahrheit oft eine Deckelung. Nicht für diesen einen Deal. Für das Feld dahinter.

Das heißt nicht, dass du nie günstiger arbeitest. Es heißt, dass du es sichtbar machst. Der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen ist der Unterschied zwischen einem Rabatt und einem Preisverfall:

Ich mache das für 200.
Mein Reel-Paket liegt bei 350. Für den Launch biete ich 250 an, weil ich die Kategorie spannend finde und langfristig arbeiten möchte.

Im ersten Fall ist 200 dein Preis. Im zweiten Fall ist 350 dein Preis und 250 eine Entscheidung. Die Zahl ist identisch. Die Position ist es nicht.

Wir behandeln unseren Preis wie ein Urteil über uns selbst. Brands behandeln ihn wie eine Zeile in einer Tabelle. Diese Asymmetrie kostet uns Geld.

Und dann ist da noch der Teil, über den selten geredet wird: Ein Preis, den du dir selbst nicht glaubst, hörst du in deiner eigenen Stimme. Er kommt mit Fragezeichen. Mit Konjunktiv. Mit so ungefähr. Genau das liest die andere Seite. Nicht die Zahl. Die Unsicherheit um sie herum.

MerksatzDein erster Preis ist kein Startwert. Er ist ein Anker, der länger hält als der Deal, für den du ihn genannt hast.

Chapter 5

„Wir haben leider kein Budget“

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Dieser Satz kommt. Zuverlässig. Und er bedeutet drei völlig verschiedene Dinge, die du unterscheiden können musst.

Bedeutung eins: Es gibt wirklich kein Budget. Selten, aber es passiert. Kleine Marken, frühe Phase, echte Grenzen. Erkennbar daran, dass die Anfrage von der Gründerin selbst kommt und konkret ist. Deine Antwort: freundlich, mit einem kleineren Format oder einer Wiedervorlage. Für dieses Quartal passt es preislich nicht. Meldet euch gerne, wenn ihr für Herbst plant, ich merke euch vor.

Bedeutung zwei: Es gibt Budget, aber nicht für dich. Das ist der häufigste Fall. Budget existiert, ist aber Macro-Creatorn oder Paid Media zugeordnet. Deine Antwort ist keine Preisdiskussion, sondern eine Argumentation über Effizienz: was zehn Nano-Kooperationen liefern, was ein Macro-Deal nicht liefert.

Bedeutung drei: Es ist ein Test. Ein Standardsatz, mit dem geprüft wird, ob dein Preis hält. Erkennbar daran, dass er sofort kommt, ohne Rückfrage zu deinen Leistungen. Deine Antwort ist die kürzeste: Verstehe ich. Meine Konditionen bleiben bestehen. Wenn sich das Budget im nächsten Quartal ändert, komme ich gerne darauf zurück. Punkt. Kein neuer Vorschlag, keine Rechtfertigung.

Was du in allen drei Fällen nicht tust: den Preis im selben Atemzug senken, in dem du ihn genannt hast. Wer ohne Gegenleistung nachgibt, hat nicht verhandelt, sondern korrigiert. Und eine Korrektur bedeutet: Der erste Preis war nicht ernst gemeint.

Wenn du reduzierst, reduziere gegen etwas. Weniger Deliverables. Kürzere Rechte. Kein Exklusivitätszeitraum. Der Preis darf sinken, wenn der Umfang sinkt. Sonst nicht.

MerksatzEin Preis, der beim ersten Widerstand fällt, war keine Kalkulation. Er war eine Hoffnung.

Finale

Preise sind keine Meinung über dich

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Whistler hat vor Gericht gewonnen. Er bekam einen symbolischen Farthing Schadenersatz und ging an den Prozesskosten bankrott. Die Geschichte ist trotzdem geblieben, weil sie eine Verschiebung markiert: den Moment, in dem jemand aufhörte, seine Arbeit in Stunden zu messen, und anfing, sie in dem zu messen, was nur er liefern konnte.

Das ist die eigentliche Arbeit an deinem Preis. Nicht die Zahl finden. Sondern aufhören, sie für ein Urteil über dich zu halten.

Dein Preis ist ein Werkzeug. Er sortiert Anfragen. Er signalisiert Professionalität, bevor du ein einziges Wort über deine Arbeit gesagt hast. Er entscheidet, mit wem du das nächste Jahr verbringst. Eine Creatorin mit klaren Konditionen bekommt weniger Anfragen und mehr Deals. Das ist kein Zufall. Das ist Filterung.

Und das Beste daran: Preise sind das am schnellsten veränderbare Element in deinem gesamten Setup. Deine Reichweite braucht Monate. Deine Positionierung braucht Klarheit. Dein Preis braucht eine Entscheidung und ein Dokument.

Andere raten. Buchbare Creatorinnen kalkulieren. Entscheide, was du bist.

MerksatzDu wirst nicht dafür bezahlt, ein Reel zu drehen. Du wirst dafür bezahlt, dass jemand anderes es nicht so drehen kann. Der Preis ist die Differenz.

Weiterführende Fragen:

Was kostet ein Reel als Nano Creatorin mit unter 5.000 Followern?

Realistisch liegt der Korridor für ein organisches Reel auf dem eigenen Kanal, ohne weitere Nutzungsrechte, zwischen 250 und 450 Euro. Ausschlaggebend ist nicht die Followerzahl, sondern der Produktionsaufwand und die Frage, ob die Marke den Content weiterverwenden darf.

Soll ich meine Preise öffentlich auf Instagram zeigen?

Nicht im Profil, aber in einem Media Kit, das du auf Anfrage sofort verschicken kannst. Damit filterst du Gifting-Anfragen heraus, ohne dich öffentlich auf eine Zahl festzulegen, die du in sechs Monaten anheben willst.

Darf ich meine Preise erhöhen, wenn ich schon mit einer Marke gearbeitet habe?

Ja, aber mit Begründung und Vorlauf. Nenne den neuen Preis beim nächsten Angebot, nicht mitten in einer laufenden Kampagne, und knüpfe ihn an etwas Sichtbares: gewachsene Reichweite, bessere Performance des letzten Deals, erweiterte Deliverables.

Was mache ich, wenn eine Marke nur Produkte statt Geld anbietet?

Gifting ist legitim, wenn du es aktiv als Test oder Türöffner wählst. Es ist ein Problem, wenn es der Standard ist. Nenne dein Honorar, biete optional ein kleines bezahltes Einstiegsformat an und halte fest, dass Produkte kein Ersatz für ein Budget sind.

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